Das hier war der erste Versuch für ein Buch, von dem ich wusste, dass ich es veröffentlichen wollen würde. Ich hatte vorher mit niemandem darüber geredet oder jemanden um Hilfe gebeten. Außerdem hatte ich keine Erfahrung darin, so etwas in der Art zu schreiben – denn wie schreibt man schon ein erstes Kapitel?
Zur Info: Ich habe im dritten Entwurf nochmal die ganze Charakterdynamik geändert, somit können die Beziehungen in diesem Kapitel anders wirken als im Fertigen Buch.
Jedenfalls hoffe ich, es gefällt euch, auch wenn es nicht perfect ist :)
Kapitel 1
Die Sonne schien mir entgegen, als ich die Tür zu meinem Zimmer öffnete. Noch geblendet von den Strahlen, fiel mich wenige Sekunden später meine Mitbewohnerin um den Hals. Ich konnte mich kaum fassen, da ich so eine Begrüßung von Alyvia nicht gewohnt war; tatsächlich hatten wir all die Jahre, in denen wir auf der Akademie ein Zimmer teilten, nie körperlichen Kontakt gehabt.
Es war erst, als ich meinen Kopf ein wenig nach hinten bog, dass ich die roten Haare auf dem Kopf meiner Angreiferin wahrnahm. Kurz danach stieß ich das Mädchen vorsichtig, aber rasch an ihren Schultern von mir.
„Salem!“, rief ich.
„Tea!“, rief sie zurück. Ich strahlte meiner besten Freundin ins Gesicht, bevor ich sie wieder an mich zog.
„Bei den Vier, hast du mich erschreckt! Was machst du hier? Solltest du nicht erst morgen zum Unterricht erscheinen?“ Meine Freundin und ich ließen uns los und Salem machte ihren Weg auf die andere Seite des Zimmers zu dem Bett hinüber.
„Nun ja, mein Vater konnte einfach nicht Nein zu mir sagen, als ich ihn bat, dieses Jahr in der Akademie zu wohnen. Ich bin nun mal viel zu liebenswert“, sagte sie lässig und drehte sich in einem raschen Schwung zu mir. „Ich meine, könntest du diesen Augen widerstehen?“
Ich lachte amüsiert, während Salem mir tausendmal zuzwinkerte.
„Wahrscheinlich war es genauso wie die letzten vier Jahre, in denen du ihn darum gebeten hast.“
„Nur diesmal hat es geklappt“, antwortete sie.
„Das heißt, du bleibst?!“, sagte ich aufgeregt. „Also sind wir Mitbewohner?“
„Uhhh, jaha!“, antwortete sie mir. „Warum sonst, denkst du, würde ich hier jetzt vor dir stehen, wenn ich eigentlich noch einen Tag hätte, um mich zu Hause verwöhnen zu lassen?“
Ich sprang in die Luft. „Oh, wie großartig!“
Salem und ich gaben uns High Five und hielten unsere Hände fest.
„Das wird das beste letzte Jahr, das wir—“ Salem schaute an mir vorbei, ohne ihren Satz zu beenden. „Du, sag mal, soll deine Tasche sich so bewegen?“
Ich drehte mich um und schaute in Richtung meines Koffers, auf dem ich meine Tasche abgestellt hatte. Diese bewegte sich hin und her. Noch bevor sie vom Koffer fiel, nahm ich sie hoch und stellte sie neben mir auf dem Bett ab.
„Was ist das?“, fragte Salem mich beunruhigt.
„Ich habe da so eine Vermutung.“ Langsam öffnete ich den Reißverschluss, und noch bevor ich ihn bis zum Ende gezogen hatte, leuchteten mir zwei kleine braune Augen entgegen. Dann schaute ein beiger, braun gepunkteter Fuchskopf hinaus. Zwischen den Augen waren feste braune Fühler, und als ich das Wesen, gerade so groß wie meine Hand, aus der Tasche nahm, präsentierte sich ein kleiner Fuchskörper, dem majestätische, mottenartige Flügel entsprangen.
„Ein Mox?“ Salem schaute schief über meine Schulter auf das Wesen in meinen Handflächen.
„Seit wann hast du einen Mox?“
„Hab ich nicht“, antwortete ich ein wenig genervt und drehte mich zu ihr um. „Mein Zwillingsbruder hat ihn verletzt gefunden. Unsere Eltern haben ihm gesagt, sobald er wieder gesund ist, soll er ihn freilassen.“
„Na, das hat ja gut funktioniert.“
„Dieser Idiot hat ihn in meiner Tasche versteckt, um ihn mit in die Akademie zu nehmen.“
Ich seufzte genervt und machte meinen Weg zur Tür. „Bin sofort wieder da“, sagte ich zu Salem, ohne mich umzudrehen.
Ich ging den langen Korridor hinab, ein Treppenhaus hinunter und öffnete am Ende eine schwere Tür, die mich nach draußen über eine Brücke führte. Die Brücke überquerend, trat ich in ein weiteres Treppenhaus, ging in den dritten Stock hinauf, den Korridor entlang und klopfte fest an die letzte Tür rechts.
Ein großer junger Mann, der das genaue Gegenteil von mir war – dunkelbraune, fast schwarze Haare, dunkle braune Augen und ein Dreitagebart – machte mir auf.
„Du hast was verloren“, sagte ich, nahm seine Hand und setzte den Mox hinein.
Der Junge lächelte mich hämisch an. „Na, war das nicht eine süße Überraschung, Schwesterherz?“
Ich verdrehte die Augen. „Sei froh, dass ich nicht damit erwischt wurde. Pass auf, dass ihn keiner sieht. Du weißt, wie unsere Eltern reagieren würden, wenn die Akademie sie darüber informieren würde.“
Mein Bruder nahm mich hektisch in den Arm. „Habe ich dir schon einmal gesagt, dass du die beste Schwester überhaupt bist, Tea!“
„Jaja.“ Ich befreite mich mühsam aus seinem Griff und schaute an ihm vorbei in sein Zimmer.
„Ist Koda schon da?“, fragte ich vorsichtig.
„Noch nicht angereist.“ Mein Bruder streichelte den Mox in seiner Hand. „Ich weiß nicht mal, ob er überhaupt mein Mitbewohner wird oder ob er überhaupt kommt.“
Ich schaute meinen Bruder verwundert an. „Was soll das heißen?“, fragte ich nach.
Mein Bruder reagierte nur mit einem Schulterzucken und ließ seine Aufmerksamkeit nicht von dem Mox abweichen.
„Theo!“, forderte ich. „Was soll das heißen?“
Mein Bruder schaute mich an und seufzte. Als er anfing zu reden, setzte er den Mox auf seine Schulter und machte seinen Weg ins Zimmer hinein. „Sein Vater will ihn schon seit Jahren zu Hause unterrichten lassen, und ich weiß nicht, ob Koda es dieses Jahr schafft, ihn zu überreden, doch auf die Akademie zu kommen.“
„Was meinst du?“ Ich stand im Türrahmen und schaute ernst in den Raum.
Plötzlich ließ Theo ein Lachen von sich und kam auf mich zu. „Ach, keine Sorge, Tea“, sagte er amüsiert. „Ich nehme dich nur auf den Arm. Dein Lover wird sich hier schon blicken lassen.“
Ich rollte die Augen und stieß das Gesicht meines Bruders mit meiner Handfläche aus meinem Weg. „Er ist nicht mein Lover.“
Theo jauchzte nur. „Das glauben Cornelius und ich sofort.“
„Cornelius?“ Ich zog eine Augenbraue hoch und überkreuzte meine Arme.
„So habe ich ihn genannt“, grinste Theo, während er mir den Mox hinhielt.
„Ja, das habe—“ Die Klingel der Akademie strömte durch den Korridor, gefolgt von einer kräftigen Männerstimme.
„Herzlich willkommen an der Silver Oak Akademie, hier spricht euer Schulleiter Professor Fenwick. Ich erwarte alle Schüler und Schülerinnen in der nächsten Stunde im großen Saal.“
Zurück in meinem Zimmer zog ich mich um, bevor Salem und ich uns gemeinsam auf den Weg in den großen Saal machten.
Wir gingen das Treppenhaus hinunter in den ersten Stock, wo wir in einen hellen Flur mit weißem Marmorboden und hohen Decken kamen. Anders als die hölzernen Korridore, in denen die Zimmer lagen, waren die Wände hier beige und hatten große Gemälde in goldenen Rahmen auf der linken Seite hängen. Gegenüber schaute man durch große, mit Sprossen besetzte Fenster auf eine grüne Feldlandschaft und einen weit entfernten Wald.
Der Flur führte in ein Foyer, von dem zwei große, gebogene Treppen nach oben führten. Zwischen den Treppen gingen wir drei Stufen hinunter durch eine riesige Tür in den Innenhof der Akademie, welcher mit wunderschönen Bäumen bepflanzt war und einen Brunnen mit einer Drachenstatue in seiner Mitte hielt. Wir durchquerten den Hof und gingen auf der anderen Seite durch eine ebenso große, aber schon offenstehende Tür in einen hellen Saal.
Stuhlreihen waren vorbereitet, in denen sich schon einige Leute niedergelassen hatten. Am Ende des Saals, auf dem Altar, stand ein langer Tisch, an welchem sich die Professoren niedergelassen hatten – elf an der Zahl, und in der Mitte unser Schulleiter. Ein Mann mittleren Alters mit schwarzen Haaren, einem Vollbart und strahlenden blauen Augen.
Ich schaute mich im Saal um, auf der Suche nach freundlichen Gesichtern, bis Salem mich plötzlich am Arm hinter sich herzog. „Komm, da sind Hudson und Pax.“
Wir schafften es durch die Stuhlreihen auf die linke Seite, relativ weit vorne. Ich begrüßte meine Freunde jeweils mit einer Umarmung, während Salem deutlich familiärer mit ihnen war. Sie und Hudson sind jetzt schon seit fast drei Jahren ein Paar und verpassen keine Gelegenheit, das auch zu zeigen.
Trotz ihres Altersunterschieds von einem Jahr sahen Hudson und seine jüngere Schwester Pax – beide mit braunen Haaren, braunen Augen und gebräunter Haut – mehr wie Zwillinge aus, als Theo und ich es je könnten. Sie teilten sogar fast die gleiche Haarlänge: Während Hudson seine Haare in einem Zopf trug, ließ seine Schwester ihren Bob leicht auf die Schultern fallen. Worin sie sich jedoch sehr unterschieden, war ihr Kleidungsstil. Pax war schlank und gut durchtrainiert, und sie schämte sich nicht, ihre traumhafte Figur vorzuzeigen; sie trug also meistens enge, sportliche Anziehsachen. Hudson kleidete sich jedoch mehr wie mein Bruder und Koda: oversized und meistens dunkel. Koda war der einzige von den dreien, der auch mal ein wenig Farbe an sich ließ.
Der Saal füllte sich langsam und Professor Fenwick machte sich zu seiner jährlichen Willkommensansprache bereit. Ich schaute mich um, doch weder von meinem Bruder noch von Koda war irgendeine Spur zu sehen. Aber ich erkannte Tyrone, der mit seinem üblichen breiten Grinsen und leuchtend blauen Augen auf uns zukam. Er stach oft durch die hellen Hemden oder Polos, die er immer trug, aus unserer Gruppe heraus – das lag aber hauptsächlich an seinem strengen Vater. Ginge es nach ihm, würde Tyrone auch mal einfache Jeans tragen, statt immer nur schicke Hosen.
„Ich dachte schon, ich finde euch in dieser Menge nicht und muss mich irgendwo in den vordersten Reihen zwischen die Greens setzen.“ Er schlug mit einer Kopfbewegung seine blonden Strähnen aus dem Gesicht, bevor er mich in den Arm nahm und fest drückte. Tyrone war nicht ganz so groß wie die anderen Jungs in unserer Gruppe, weswegen ich seine Umarmungen immer etwas mehr genoss als die der anderen drei.
„Liebe Schülerinnen und Schüler!“, fing der Schulleiter an, und alle im Saal setzten sich auf die Plätze, die sie sich ausgesucht hatten. Ich richtete meine Aufmerksamkeit nach vorne.